Kapitel 1. Grundlegende Arbeitsweise

1.1. Addressierung

1.1.1. Schreibweise

Eine IPv6-Adresse besteht aus einer 128 Bit grossen Zahl. Diese Zahl wird in acht Gruppen zu je 16 Bit aufgeteilt, die dann in hexadezimaler Zahldarstellung durch Doppelpunkte getrennt aufgeschrieben werden. Führende Nullen können hierbei weggelassen werden. Beispiele sind hier die Adressen FEDC:BA98:7654:3210:FEDC:BA98:7654:3210 oder 1080:0:0:0:8:800:200C:417A.

Da es aufgrund der Adressverteilung zu langen Folgen von Nullbits kommen kann, ist es erlaubt, einmal in einer Adresse eine beliebig lange Folge von Nullen durch zwei Doppelpunkte abzukürzen. Dies kann auch am Anfang oder Ende einer Adresse sein.

Für den Fall, dass IPv4- und IPv6-Netze gemischt eingesetzt werden, kann es zweckmässig sein, die zwei niederwertigsten 16-Bit-Teile in vier 8-Bit-Teile aufzuspalten und in IPv4-Schreibweise an die höherwertigen sechs Teile anzuhängen. So muss nicht jede verwendete IPv4-Adresse in ihre hexadezimale Darstellung umgerechnet werden.

Um ganze Netzbereiche zu benennen wird eine Schreibweise verwendet, die der Classless Inter-Domain Routing Notation (CIDR) von IPv4 entspricht, indem die Adresse von einem Schrägstrich und der Präfix-Länge in Bits gefolgt wird.

Soll sowohl eine IPv6-Adresse als auch der zugehörige Präfix notiert werden, so lassen sich die Schreibweisen kombinieren.

1.1.3. Strukturierung des Adressraums (Adresstypinformation)

Der Typ einer Adresse ist an den führenden Bits zu erkennen. Diese Bits, deren Anzahl bei den unterschiedlichen Typen variieren kann, heissen Format-Präfix.

Die "unspezifizierte Adresse", die Loopback-Adresse und die Einbettung von IPv4 in IPv6 befinden sich unterhalb des reservierten Adressraums 0000 0000.

Diese Allokation erlaubt es, sofort Adressen für globale, lokale und Multicast-Zwecke zu reservieren. Auch für den Übergang von NSAP (Network Service Access Point, der Adressierung der ISO-Protokollsuite) und IPX sind Adressbereiche reserviert. Dadurch, dass grosse Bereiche noch keiner Verwendung zugewiesen sind, ist Raum für zukünftige Erweiterungen vorhanden.

Multicast-Adressen lassen sich durch den Format-Präfix FF, also 1111 1111, von allen anderen Adressen unterscheiden. Anycast-Adressen stellen eine Untermenge der Unicast-Adressen dar.

1.1.4. Innere Struktur von Unicast-Adressen

IPv6-Unicast-Adressen lassen sich ähnlich dem CIDR bei IPv4 zusammenfassen. Dies gilt für die unterschiedlichen Kategorien von Unicast-Adressen ebenso wie für den NSAP- und den IPX-Adressraum. Ein einzelner IPv6-Host muss keinerlei Kenntnis über den Aufbau der verwendeten Unicast-Adresse haben, es ist allerdings denkbar, dass komplexere Implementierungen den Subnet-Präfix verwenden. Router werden generell ein tieferes Verständnis für den Aufbau der Adressen haben, da ansonsten keine komplexen Routing-Entscheidungen möglich sind.

Unicast-Adressen können einen Interface-Identifier enthalten, der aus einer Adresse des einzelnen Netzwerkinterfaces gebildet wird. Zwingend notwendig ist es, dass solche Identifier, bezogen auf die lokale Verbindung, eindeutig sind. Denkbar sind auch global eindeutige Identifier, wie z.B. im Fall der 48bit umfassenden MAC-Adresse nach IEEE im Ethernet.

Die Unspezifizierte Adresse 0:0:0:0:0:0:0:0, oder ::, wird als Absender-Adresse verwendet, solange ein Rechner noch keine eigene Adresse ermitteln konnte. Sie darf niemals für ein Interface konfiguriert oder als Empfängeradresse einer Verbindung verwendet werden.

Die Adresse 0:0:0:0:0:0:0:1, oder ::1, wird als loopback-Adresse bezeichnet. Sie kann von einzelnen Knoten verwendet werden, um Pakete an sich selber zu senden. Hierfür kann sie einem virtuellen Interface, z.B. dem Loopback-Device, zugewiesen werden. Es ist nicht erlaubt einem physikalischen Interface diese Adresse zu geben.

Um den Übergang von IPv4 auf IPv6 zu vereinfachen wurden zwei Adressräume reserviert, die jeweils den kompletten Adressraum von IPv4 in sich aufnehmen können. Der eine Bereich 0:0:0:0:0:0:xxxx:xxxx wird als IPv4-kompatible Adresse bezeichnet. Ein Rechner mit einer solchen Adresse ist tatsächlich in der Lage, an ihn adressierte IPv6-Pakete zu verarbeiten. Rechner, die nur IPv4 unterstützen, können über die sogenannte IPv4-Abbildbare IPv6-Adresse (IPv4 mappable IPv6 address) angesprochen werden. Dies sind die Adressen im Bereich 0:0:0:0:0:FFFF:xxxx:xxxx. Die letzten 32 Bit dieser IPv6-Adressen sind jeweils die 32 Bit der IPv4-Adresse in hexadezimaler Zahldarstellung.

Aggregierbare globale Unicast-Adressen nach rfc2374 dienen der globalen Adressierung einzelner Rechner. Die Aggregierbarkeit ist von grosser Bedeutung, weil durch die Abbildung von Netzwerkhierarchien in der Adresszuteilung die Routing-Tabellen von default-freien Routern eine klar begrenzte Grösse erreichen. Ein default-freier Router ist ein Router, der für alle weltweit möglichen Adressen eine exakte Route kennt und nicht in einigen Fällen das Routing an einen Default-Router mit umfangreicheren Informationen delegiert.

Der Format-Präfix FP ist bisher auf 001 festgelegt. Die Toplevel-Identifikation TLA ID ist die oberste Ebene in der Routinghierarchie. Ein defaultfreier Router muss mindestens die Routen zu diesen 8192 unterschiedlichen Netzen kennen. Das reservierte Feld RES, das bis zu seiner Verwendung immer auf 0 gesetzt werden muss, dient der eventuellen Erweiterung. Die Nextlevel-Identification NLA ID ist eine Möglichkeit für Backbone-Provider, den verfügbaren Adressraum in Teile zu zerlegen, die dann entweder als Abbild der Netzwerkstruktur oder als Delegation eines Bereiches an einen Kunden betrachtet werden kann. Die Sitelevel-Identifikation ist dann wiederum der Bereich, innerhalb dessen eine Organisation, die das Internet nutzt, ihre interne Struktur abbilden kann.

Link-Lokale Unicast-Adressen verwenden den Präfix FE80::/64, gefolgt von dem 64 Bit grossen Interface-Identifier. Diese Adressen werden von den einzelnen Rechnern automatisch ermittelt und dienen dem Datenaustausch ohne lokale Infrastruktur und zur Autokonfiguration. Site-Lokale Adressen werden aus dem Präfix FEC0::/48 gebildet, gefolgt von einer 16 Bit langen Subnet-ID und dem 64 Bit langen Interface-Identifier. Link-Lokale Adressen dürfen auf keinen Fall von Routern weitergeleitet werden, Site-Lokale Adressen sollten nicht ins Internet geroutet werden, ähnlich den aktuellen IPv4-Adressen nach rfc1918.

1.1.6. Multicast-Adressen

Eine IPv6 Multicast-Adresse dient dazu, eine Gruppe von Rechnern anzusprechen. Ein Rechner kann Mitglied beliebig vieler dieser Gruppen sein.

Das Flags-Feld kann bisher zwei Werte annehmen, 0000 für permanent zugewiesene Adressen, 0001 bezeichnet nicht-permanent zugewiesene Adressen. Die Gültigkeit bezeichnet, in welchem Umfang diese Multicast-Gruppe verwendet wird.

Die Gruppen-ID dient dazu, die erwünschte Gruppe von Rechnern zu bezeichnen. Permanent zugewiesene Multicast-Adressen sind unabhängig von der Gültigkeit. Nicht-permanente Gruppen-IDs können durchaus in unterschiedlichen Gültigkeitsbereichen unterschiedliche Bedeutungen erfüllen. Multicast-Adressen dürfen nie als Absender verwendet werden.

Multicast-Pakete werden auch verwendet, um die Link-Layer-Adresse eines anderen Rechners zu ermitteln. Dadurch, dass keine Broadcasts wie bei dem für IPv4 verwendeten Address Resolution Protocol ARP mehr verwendet werden, sinkt die Netzwerklast für Rechner, die nicht unmittelbar von der Anfrage betroffen sind. Diese Multicast-Pakete heissen Neighbour Solicitation und Advertisement Message und entsprechen dem Standard für ICMPv6.